Heute muss ich mich nach Leipzig wenden und da ich noch Ihr Schuldner bin, meine Schuld an Sie berichtigen. doch nicht ganz, denn ich werde immer Ihr Schuldner bleiben.
Die Darstellung Ihrer Lage, Ihrer Leiden betrübt mich sehr. Wenn Gott nicht die Liebe wäre, und zum Voraus an Ihn geglaubt werden müsste, dass all Sein Tun und Regieren lauter Weisheit und Liebe ist, so könnte und müsste man unzufrieden werden. Aber so tun wir besser, wir beten an und sehen hinaus auf den Tag, wo alles Dunkle klar werden wird wo wir uns unaussprechlich freuen und danken werden, dass wir hier gelitten haben, geprüft, geübt und gefegt worden sind. Wir Menschen sind so, dass wir Alles um uns her: Haus, Stube, Treppe, Geschirre, Gefäße, Kleider rc. gefegt, gescheuert, geputzt, ausgeklopft und rein und schön gemacht haben wollen - nur wir selbst wollen zwar eine Wohnung Gottes im Geist, ein Tempel des Heiligen Geistes sein und heißen, aber fegen, scheuern, ausklopfen, abstäuben wollen wir uns nicht gern lassen. Da setzt sich das Fleisch dagegen. Aber es muss doch daran. Das Kind, so sehr es von der Mutter geliebt wird und so sehr es schreit, wenn es ins Bad gesetzt oder gewaschen wird, es muss doch hinein und durch.
Das schreibe ich nicht als wenn ich nicht Mitleiden hätte - ach ich habe ja mit meinem alten Adam auch Mitleiden, und weiß wie wehe es ihm tut und wie er schreit. Nein, ich fühle ganz Ihre Not und Ihren Schmerz, und weiß wie schwach das Fleisch ist, weiß wie das Feuer der Trübsal brennt, wenn es heiß ist. Darum fühle ich tief Ihren Schmerz und seufze zum HErrn, dem treuen Heiland, dass Er im Schwachen mächtig sein wolle, Ihre Leiden erleichtern, Sie stärken und nicht über Kräfte versucht werden lassen. Er ist treu, Er wird's auch tun. Nur stille an Ihn sich festgehalten, wenn der Schmerz am ärgsten ist auch da hilft nichts so sehr, als stille sein und hoffen, das macht stark. Er gebe es uns. Er kehre ein bei Ihnen, Er wird's tun, denn Er hat's verheißen: Ich bin bei dir in der Trübsal ein Mann, ein Wort. Fassen Sie Ihn gewaltiglich beim Wort, Er lässt sich gern fassen, wie die Mutter vom Kinde - sie ist froh, wenn das Kind die Arme nach ihr ausstreckt. Die alte Großmutter muss nun schon noch vom kleinen Kinde lernen, darum hat's der HErr gegeben „wenn ihr nicht werdet wie dieses kleine Wesen, so rc“.
Ich bitte Sie, recht herzlich zu grüßen Ihre lieben, lieben Kinder - ach dass ich Sie nicht mehr besuchen kann und darf! Gottes Liebe und Gnade besuche Sie Alle desto öfter und Heil und Segen kehre ein in ihrem Herzen. Gedenken Sie vor dem HErrn
Ihres Freundes Gossner.